Wertetheorie (Viktor Frankl)

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Werte spielen in der Mediation eine wichtige Rolle. Sie bilden ein Konzept zur Konfliktlösung.

Die Logotherapie, begründet von Viktor E. Frankl (1905–1997), versteht sich als sinnzentrierte Psychotherapie und dritte Wiener Schule der Tiefenpsychologie. Zentrale Grundlage ist die Annahme, dass der Mensch primär durch einen Willen zum Sinn motiviert ist und psychische Gesundheit wesentlich von der Verwirklichung von Sinn im Leben abhängt. In diesem Konzept kommt den Werten eine fundamentale Rolle zu, da sie als konkrete Wege der Sinnerfüllung fungieren. Die vorliegende Abhandlung untersucht die Bedeutung, Systematik, Abgrenzung und therapeutische Verwendung des Wertbegriffs nach Frankl.

Bedeutung und Funktion von Werten

Für Frankl sind Werte keine bloßen sozialen Konventionen oder subjektiven Präferenzen. Er definiert sie als universelle Sinnmöglichkeiten, die der Mensch in seiner konkreten Existenz verwirklichen kann. Sie bilden die Schnittstelle zwischen der abstrakten Sinnfrage und der konkreten Lebenspraxis. Werte sind entdeckt, nicht erfunden; sie existieren als objektive Gegebenheiten in der Welt, die der Mensch aufspüren und realisieren muss. Ihre psychologische Funktion besteht darin, Orientierung zu geben und Handlungen zu legitimieren, die über das bloße Streben nach Lust oder Macht hinausgehen. In der existenzanalytischen Anthropologie Frankls, die den Menschen als geistige Person betrachtet, ermöglichen Werte die Selbsttranszendenz – das Hinausgehen über sich selbst auf eine Sache oder eine andere Person hin.

Die drei Wertkategorien

Frankl systematisierte die Wege der Sinnerfüllung in drei fundamentale Wertkategorien:

Schöpferische Werte (Erleben durch Tun)
Diese Werte werden durch aktives Handeln und Gestalten der Welt verwirklicht. Jede schöpferische Tätigkeit – beruflich, künstlerisch, handwerklich oder auch im zwischenmenschlichen Bereich – stellt die Verwirklichung eines schöpferischen Wertes dar. Die Arbeit ist hierfür das paradigmatische Beispiel. Weitere Beispiele:

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Erlebniswerte (Erleben durch Empfangen)
Diese Werte werden durch die bewusste und hingebungsvolle Begegnung mit der Welt verwirklicht, etwa durch die Wahrnehmung von Natur, Kunst, Kultur oder durch die Erfahrung von Liebe. Hier steht nicht das aktive Gestalten, sondern das empfangende Offensein im Vordergrund. Frankl betont, dass reines Erleben bereits einen Sinn an sich darstellt. Beispiele dazu:

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Einstellungswerte (Erleben durch Haltung)
Dies ist die tiefste und für die Logotherapie zentrale Kategorie. Sie kommen dann zum Tragen, wenn der Mensch sich einer unveränderbaren, leidvollen Schicksalssituation (wie einer unheilbaren Krankheit, eines Verlustes oder einer Grenzsituation) gegenübersieht. Da schöpferisches Handeln und positives Erleben hier blockiert sind, bleibt die Freiheit, zu diesem Leiden eine Haltung einzunehmen. Die Verwirklichung von Einstellungswerten bedeutet, dem Leiden durch Mut, Würde, Gelassenheit oder sogar Tragik einen Sinn abzuringen. Frankls eigene Erfahrungen in Konzentrationslagern bilden die existenzielle Grundlage dieser Kategorie. Beispiele für Einstellungswerte:

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Diese drei Kategorien bilden eine Hierarchie der Verfügbarkeit. Solange schöpferische Werte realisierbar sind, haben sie Vorrang. Sind sie blockiert, treten die Erlebniswerte in den Vordergrund. Sind auch diese nicht zugänglich, bleibt immer die unveräußerliche Möglichkeit, Einstellungswerte zu verwirklichen. Damit postuliert Frankl, dass das Leben unter allen Umständen sinnvoll bleibt.

Abgrenzung zu anderen Wertkonzepten

Frankls Wertetheorie grenzt sich in wesentlichen Punkten von anderen psychologischen und philosophischen Ansätzen ab:

Gegenüber relativistischen und subjektivistischen Wertetheorien
Frankl vertritt einen objektiv-relationalen Wertbegriff. Werte sind nicht subjektive Geschmacksurteile, sondern objektiv vorhandene Sinnmöglichkeiten in der Welt. Ihre Aneignung ist jedoch immer persönlich und einzigartig („der konkrete Sinn der Person in der Situation“).
Gegenüber rein soziologischen oder konventionalistischen Ansätzen
Werte sind für Frankl nicht bloße Produkte gesellschaftlicher Normierung. Sie wurzeln in der transzendenten Dimension der conditio humana, auch wenn sie sich in kulturellen Formen ausdrücken.
Gegenüber der psychoanalytischen Triebtheorie
Während Freud das menschliche Handeln primär durch Lust- und Realitätsprinzip (Es-Ich-Über-Ich) erklärt, sieht Frankl im geistigen Akt der Wertverwirklichung eine eigenständige, originäre Motivation.
Gegenüber reinen Tugendethiken
Frankls Fokus liegt nicht primär auf Charaktereigenschaften (Tugenden), sondern auf der konkreten Handlung oder Haltung in einer einzigartigen Lebenssituation. Die Tugend (z.B. Tapferkeit) ergibt sich aus der wiederholten Verwirklichung entsprechender Werte.

Wertkonzept in der Logotherapie

In der praktischen Therapie dienen Werte als zentrale Instrumente:

Sinnorientierung und Dereflexion
Anstatt auf neurotische Symptome zu fokussieren (Hyperreflexion), lenkt der Therapeut die Aufmerksamkeit des Klienten auf noch vorhandene oder neu zu entdeckende Werte (Schöpferische oder Erlebniswerte). Diese Dereflexion löst den circulus vitiosus der Selbstbeobachtung.
Haltungsänderung bei unveränderbarem Schicksal (Einstellungswerte)
In der Arbeit mit Patienten mit chronischen Krankheiten, Behinderungen oder im Trauerprozess hilft der Therapeut, die Möglichkeit einer sinnvollen Haltung zum Leiden zu erschließen. Die Methode der paradoxen Intention (humorvolle Konfrontation mit der Angst) kann hier als Technik zur Einstellungsänderung eingesetzt werden.
Exploration des Wertbewusstseins
Durch sokratischen Dialog1 unterstützt der Therapeut den Klienten dabei, seine eigenen Wertprioritäten zu klären und verdeckte Sinnmöglichkeiten in seiner Lebensgeschichte und aktuellen Situation zu entdecken.
Überwindung der existentiellen Frustration (Noogene Neurose)
Bei Sinnleere und existenzieller Krise („existentielles Vakuum“) dient die Wertetheorie als Landkarte, um konkrete, realisierbare Sinnquellen zu identifizieren und so eine positive Lebensspannung wiederherzustellen.

Bedeutung für die Mediation

Die Wertetheorie von Viktor Frankl findet besonderen Anklang bei der integrierten Mediation. Die integrierte Mediation basiert auf der Nutzenfokussierung. Das bedeutet: sie konzentriert sich nicht auf die Lösung, sondern auf den mit ihr herbeizuführenden Nutzen. Indem sie den Nutzen in den Vordergrund stellt, sucht sie zunächst mit den Parteien nach einem gemeinsamen, übergeordneten Wert, der auch als eine gemeinsame Vision zu verstehen ist. Die Suche nach vorhandenen oder neu zu entdeckenden Werten kommt ihm ebenso zugute wie die Exploration des Wertbewusstseins oder die Erschließung von Sinnquellen.

Hinweise und Fußnoten
Bitte beachten Sie die Zitier - und Lizenzbestimmungen.
Bearbeitungsstand: 2026-02-18 15:48 / Version .

Siehe auch:
Aliase: Wertetheorie-Viktor-Frankl
Prüfvermerk: -

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1 Siehe Mäeutik