Erkenntnis
Die Mediation kann als ein Erkenntnisprozess verstanden werden, der Erkenntnisse benötigt und erzeugt.
Erkenntnis (griech. episteme, lat. cognitio) ist ein Zentralbegriff der Philosophie, insbesondere der Erkenntnistheorie (Epistemologie). Im weitesten Sinne bezeichnet sie den Vorgang und das Resultat des Erfassens von Wirklichkeit. Doch was genau ist unter diesem "Erfassen" zu verstehen? Handelt es sich um eine bloße Abbildung der Außenwelt im Bewusstsein oder um einen aktiven Konstruktionsprozess? Dieser Aufsatz wird zunächst das Wesen der Erkenntnis analysieren, ihre Funktion und Notwendigkeit für den Menschen erörtern und sie konzeptuell von verwandten Begriffen wie Vernunft, Verstehen und Denken abgrenzen. Abschließend wird die fundamentale Bedeutung dieser Differenzierung für das Feld der Mediation als einer strukturierten Form der Konfliktbearbeitung herausgearbeitet.
Was ist Erkenntnis?
Wissenschaftlich betrachtet ist Erkenntnis mehr als bloße Information oder Meinung. Sie zeichnet sich durch drei konstitutive Merkmale aus:
- Wahrheit und Rechtfertigung: Eine Erkenntnis beansprucht, einen wahren Sachverhalt zu erfassen. Dieser Wahrheitsanspruch muss durch Gründe, Evidenz oder Kohärenz zu einem bereits anerkannten Wissenssystem gerechtfertigt sein (Justifizierung). Dies unterscheidet Erkenntnis vom bloßen Glauben oder einer unbegründeten Überzeugung.
- Prozesshaftigkeit: Erkenntnis ist kein statischer Besitz, sondern ein dynamischer Prozess. Sie vollzieht sich oft in Stufen: von einer ersten Wahrnehmung über das Fragen, Zweifeln und Prüfen hin zu einer vorläufig gesicherten Einsicht.
- Strukturierung und Integration: Neue Erkenntnisse werden nicht isoliert gespeichert, sondern in bestehende kognitive Schemata integriert. Sie strukturieren unsere Weltwahrnehmung neu oder bestätigen und festigen sie.
In der Mediation ist dies zentral: Es geht nicht darum, dass eine Partei der anderen einfach eine "Information" mitteilt. Ziel ist es, durch den Austausch von Perspektiven eine gemeinsame, gerechtfertigte Erkenntnis über die Konfliktsituation, die hintergründigen Interessen und mögliche Lösungen zu generieren.
Wozu brauchen wir Erkenntnis?
Erkenntnis ist für den Menschen ein existentiales Bedürfnis.
- Orientierung: In einer komplexen Welt ermöglicht uns Erkenntnis, uns zurechtzufinden, Handlungsoptionen zu bewerten und Ziele zu setzen.
- Handlungsfähigkeit: Auf Grundlage von Erkenntnissen können wir handeln, Probleme lösen und unsere Umwelt gestalten. Ohne ein Mindestmaß an Erkenntnis über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge wäre zielgerichtetes Handeln unmöglich.
- Sinnstiftung: Erkenntnis hilft uns, uns selbst, unsere Stellung in der Welt und die Bedeutung von Ereignissen zu deuten. Sie ist damit eine Grundlage für die Konstruktion von Sinn.
In der Mediation ist die Herstellung von Handlungsfähigkeit das primäre Ziel. Die Konfliktparteien sind durch widersprüchliche Narrative und Emotionen oft handlungsunfähig. Der Mediationsprozess zielt darauf ab, diese Blockade durch die Generierung neuer, gemeinsamer Erkenntnisse aufzulösen, um wieder handlungsfähig zu werden.
Abgrenzung zu verwandten Begriffen
Um Erkenntnis präzise zu fassen, ist eine begriffliche Differenzierung essentiell.
- Erkenntnis vs. Denken: Das Denken ist das Instrument, der Prozess der Informationsverarbeitung. Es umfasst Operationen wie Schlussfolgern, Abstrahieren, Kombinieren und Assoziieren. Die Erkenntnis ist das Produkt oder Resultat eines erfolgreichen Denkprozesses. Man denkt, um zu einer Erkenntnis zu gelangen.
- Erkenntnis vs. Verstehen: Verstehen bezieht sich auf die Sinngebung und Einordnung von Bedeutung. Man kann einen Satz grammatikalisch "verstehen", ohne seine tiefere Bedeutung zu "erkennen". Erkenntnis geht oft über das unmittelbare Verstehen hinaus; sie ist das "Aha-Erlebnis", das aus dem Verstehen eines Zusammenhangs resultiert. In der Mediation müssen die Parteien zunächst die Positionen des anderen verstehen, bevor sie eine gemeinsame Erkenntnis über die zugrundeliegenden Interessen erlangen können.
- Erkenntnis vs. Vernunft: Die Vernunft (griech. nous, lat. ratio) ist die Fähigkeit oder das Vermögen des Menschen, Erkenntnisse zu gewinnen. Sie ist die methodische und prinzipienorientierte Instanz des Denkens. Die Vernunft stellt die Regeln bereit (z.B. Logik), nach denen gültige Erkenntnis überhaupt erst möglich wird. Erkenntnis ist die Anwendung der Vernunft auf einen konkreten Gegenstand. In der Mediation fungiert der Mediator/die Mediatorin als Hüter der Vernunft, indem er/sie für eine rationale, strukturierte Gesprächsführung sorgt, innerhalb derer die Parteien ihre Erkenntnisse entwickeln können.
Erkenntnis im Prozess
Die Mediation kann als ein angeleiteter, intersubjektiver Erkenntnisprozess par excellence verstanden werden. Ihr gesamtes Verfahren ist darauf ausgelegt, hinderliche individuelle "Wahrheiten" durch eine gemeinsame, konsensfähige Wirklichkeit zu ersetzen.
- Erkenntnis der eigenen Position und Interessen: Oft sind sich Parteien ihrer tiefgreifenden Bedürfnisse (z.B. nach Anerkennung, Sicherheit, Fairness) nicht vollständig bewusst. Die Mediation fördert die Selbsterkenntnis.
- Erkenntnis der Position und Interessen des Anderen: Durch aktives Zuhören und Perspektivwechsel entsteht ein Verstehen der anderen Seite, das zur Erkenntnis führen kann, dass der Konflikt nicht auf bösem Willen, sondern auf unterschiedlichen Wahrnehmungen und Bedürfnissen beruht.
- Erkenntnis neuer Lösungsoptionen: Durch die kreative Phase der Mediation wird die Erkenntnis generiert, dass eine Win-Win-Lösung jenseits der initialen Nullsummen-Denkweise möglich ist. Dies ist der Moment, in dem Denken und Vernunft zu einer neuartigen, handlungsleitenden Erkenntnis fusionieren.
- Der Mediator steuert nicht den Inhalt, sondern den Prozess der Erkenntnisgewinnung. Er sorgt für einen Rahmen, in dem Vernunft statt Emotionalisierung, verstehendes Zuhören statt Vorverurteilung und zielorientiertes Denken statt Festfahren möglich werden. Die Erkenntnisschrotte der Mediation sind:
| Phase | Erkenntnisbedarf | Erkenntnisgewinn |
|---|---|---|
| Phase 1 | Damit die Parteien nach einer Lösung suchen, müssen sie wissen, dass die von ihnen angestrebte Lösung nicht existiert, nicht möglich oder nicht optimal ist. Die Mediation ist ein Weg, die Lösung zu finden | Wir müssen nach einer Lösúng suchen. |
| Phase 2 | Damit sich die Parteien dem Streit stellen können, müssen sie die dem Konflikt entsprechenden Themen kennen. Um sich den in Fragen ausformulierten Themen stellen zu können, müssen sie den dahinter verborgenen Widerspruch akzeptieren. Sie müssen bereit sein, über den Widerspruch zu verhandeln. | Wir müssen uns den Fragen stellen, um den Konflikt beizulegen. |
| Phase 3 | Damit die Parteien einander verstehen können, müssen sie die unterschiedlichen Sichten und Motive nachvollziehen. Um aufeinander zugehen zu können, müssen sie Gemeinsamkeiten kennen. Damit sie Wissen, was sie zufriedenstellt, müssen sie die jeweilige Nutzenerwartung kennen. | Wir kennen den zu erzielenden Nutzen. |
| Phase 4 | Damit sich die Parteien ein Angebot für eine Lösung unterbreiten können, müssen sie die Interessen des Gegners kennen. Damit sie eine gute Lösung finden können, müssen sie die Kriterien kennen, an denen die Lösung zu messen ist. Sie ergeben sich aus der Nutzenerwartung. | Wir wissen, wie der Nutzen zu realisieren ist. |
| Phase 5 | Damit die Lösung nachhaltig werden kann, müssen die Parteien wissen, welche Schwierigkeiten bei der Umsetzung auftreten können. | Wir wissen, wie die Nachhaltigkeit erreicht werden kann. |
Bedeutung für die Mediation
Erkenntnis ist kein passives Aufnehmen, sondern ein aktiver, strukturierter Prozess der Wirklichkeitserschließung, der durch Denken geleitet, auf Vernunft basiert und zum Verstehen führt. Sie ist für die menschliche Orientierungs- und Handlungsfähigkeit unverzichtbar. In der Mediation wird diese theoretische Einsicht praktisch wirksam: Die Überwindung eines Konflikts gelingt genau dann, wenn es den Beteiligten gelingt, von partialen, subjektiven "Wahrheiten" zu einer gemeinsam geteilten, gerechtfertigten und handlungsleitenden Erkenntnis über die Situation und ihre Lösungsmöglichkeiten zu gelangen. Die Mediation ist somit angewandte Erkenntnistheorie.
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