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Konfliktprävention

Wissensmanagement » Fachbuch Mediation → 5. Abschnitt Methodik
Die Wegbereitung fasst alle Schritte zusammen, die notwendig sind, um eine Mediation in Gang zu bringen.

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Phase0
Sie erkennen an der nebenstehenden Grafik, dass noch keine Phase der Mediation markiert ist. Gegebenenfalls ist noch nicht einmal ein Mediationsverfahren in Sicht. Anders als bei der Anbahnung ist der Prozess auch noch nicht in Gang, es sei denn, man sieht den Beginn der Mediation ähnlich wie Bauckmann bereits im Zustandekommen der Mediationsklausel.1 Diesmal geht es nicht darum, ein Mediationsverfahren herbeizuführen, sondern es gerade zu vermeiden. Der Schritt wird trotzdem in die Wegbereitung eingebunden, weil er die Grundlage für eine folgende Mediation werden kann.

Phasenabgleich

Die korrespondierende Phase zu dieser Herangehensweise betrifft die Phase Null. Dort können Sie nachlesen, wie die Methode in die Phasenlogik eingeordnet wird.

Vorphase

Nach der Mediation ist vor der Mediation

Konfliktprävention bezeichnet im mediationsfachlichen Sinne die frühzeitige Wahrnehmung und Bearbeitung von Spannungen, Widersprüchen und Interessengegensätzen mit dem Ziel, das Gleichgewicht von Beziehungen zu erhalten und Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen. Es geht, wenn man so will, um den alltäglichen Umgang miteinander. Gelingt die Prävention, wird es nicht zu einem Konflikt kommen. Wenn sich der Konflikt dennoch einstellt, profitiert die Konfliktbeilegung von den Rahmenbedingungen, die mit der Prävention geschaffen wurden. Die Prävention ist von der Konfliktbewältigung und der Konfliktvermeidung zu unterscheiden. Schon deshalb, weil sie bereits vor der Manifestation eines Konflikts ansetzt. Damit stellt sich nicht nur eine begriffliche, sondern vor allem eine verfahrenstechnische Frage: Wie lässt sich Mediation anwenden, wenn es (noch) keinen Konflikt gibt?

Begriffliche Klarstellungen

Im praktischen Sprachgebrauch werden Konfliktvermeidung, Konfliktvorbeugung und Konfliktprävention häufig synonym verwendet. Für eine fachliche Einordnung – insbesondere im Kontext der Mediation – ist jedoch eine Differenzierung erforderlich.

  1. Konfliktvermeidung: Die Konfliktvermeidung beschreibt ein Verhalten einzelner Personen im Umgang mit einem (latenten) Konflikt. Der Konflikt wird nicht bearbeitet, sondern umgangen.
  2. Konfliktvorbeugung: Die Konfliktvorbeugung bezeichnet die bewusste Gestaltung von Strukturen, Prozessen und Kommunikationsformen, um Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen.
  3. Konfliktprävention: Die Konfliktprävention ist der übergeordnete Begriff. Er umfasst sowohl die strukturelle Vorbeugung als auch die frühzeitige Bearbeitung von Spannungen, bevor diese die Qualität eines Konflikts erreichen.

Konfliktprävention ist damit weder bloße Vermeidung noch reine Organisation, sondern eine methodisch gestützte Balancearbeit. Die folgende Tabelle enthält eine vergleichende Einordnung der Begriffe:

Aspekt Konfliktvermeidung Konfliktvorbeugung Konfliktprävention
Zeitpunkt Nach Auftreten oder Wahrnehmung eines (latenten) Konflikts Vor Entstehung eines Konflikts Vor und an der Schwelle zum Konflikt
Ebene Verhalten einzelner Personen Strukturen, Prozesse, Beziehungen Verfahren, Methoden und Rahmenbedingungen
Ziel Konflikt nicht austragen Konflikt nicht entstehen lassen Gleichgewicht erhalten, Eskalation verhindern
Bewertung häufig negativ konnotiert überwiegend positiv fachlich neutral, professionell
Risiko Verdrängung, spätere Eskalation gering, aber nicht ausgeschlossen gering, da Spannungen bearbeitet werden
Charakteristisch Ausweichen, Schweigen, Aufschieben klare Regeln, Transparenz, Prävention frühe Interessenklärung, Balancearbeit, strukturierte Kommunikation

Konfliktprävention in der Praxis

Eine Abfrage bei Google ergibt, dass es zahlreiche, wirksame Verfahren zur Konfliktprävention gäbe.2 Tatsächlich wird der Begriff Konfliktprävention in der Praxis häufig für eine Vielzahl von Maßnahmen, Instrumenten und Organisationsansätzen verwendet. Dazu zählen unter anderem offene Kommunikationsstrukturen, Erwartungsmanagement, Führungskräfteschulungen, regelmäßige Feedbackformate, Teambuilding und interne Konfliktberatung. Sogar die Mediation wird erwähnt. Diese Ansätze zielen darauf ab, Spannungen frühzeitig abzubauen und Eskalationen zu verhindern.

Aus verfahrenstechnischer Sicht handelt es sich dabei jedoch nicht um eigenständige, normierte Konfliktpräventionsverfahren, sondern um präventiv wirkende Instrumente und Gestaltungsansätze, die innerhalb bestehender Organisations- und Kommunikationssysteme eingesetzt werden. Sie folgen keiner einheitlichen Verfahrenslogik, sondern wirken kontextabhängig, oft informell und strukturell eingebettet.

Auch Mediation wird in diesem Zusammenhang regelmäßig als Instrument der Konfliktprävention genannt. Methodisch ist das zutreffend, verfahrensrechtlich jedoch nur eingeschränkt. Mediation ist als Verfahren rechtlich auf bestehende Konflikte ausgerichtet. Ihre präventive Wirkung entfaltet sie dort, wo sie vor oder an der Schwelle zum Konflikt eingesetzt wird – etwa in Form der Pre-Mediation oder der integrierten Mediation. In diesen Fällen handelt es sich nicht um ein neues Verfahren, sondern um eine präventive Anwendung mediationsmethodischer Prinzipien.

Konfliktprävention ist damit weniger als eigenständiges Verfahren zu verstehen, sondern als übergreifende Handlungslogik, die unterschiedliche Instrumente bündelt.

Die integrierte Mediation nimmt hierbei eine besondere Stellung ein, weil sie als einziges dieser Instrumente über eine ausgearbeitete Methodik verfügt, die sowohl präventiv als auch konfliktbewältigend eingesetzt werden kann. Für sie ist die Konfliktprävention keine eigene Methode, sondern eine methodische Ausrichtung der Mediation. Sie nutzt die bekannten mediationsmethodischen Elemente – Interessenklärung, Perspektivwechsel, Strukturierung, Balancearbeit – in einem frühen Stadium.

integrierte Mediation

Konfliktprävention in der Mediation

Nach dem Konzept der integrierten Mediation lässt sich die Konfliktprävention verfahrenstechnisch auch vor dem Eintreffen eines Konfliktes und vor der klassischen Phase 1 des eventuell nachfolgenden Mediationsverfahrens verorten. Die integrierte Mediation nutzt hierzu den erweiterten Mediationsradius, der Mediation nicht auf das formale Konfliktverfahren beschränkt, sondern als Denk- und Arbeitsweise versteht. Deshalb kann die methodische Herangehensweise sowohl in einem Mediationsverfahren wie in einer Beratung oder sogar in eine Unternehmensleitung integriert werden.

Die Phasen werden als Erkenntnisprozess abgebildet. Dass es noch keinen Konflikt gibt, ist unerheblich, solange es Widersprüche gibt, die Spannungen erzeugen und eine Lösungssuche nahgelegen. Die Spannungen werden in Themen übersetzt, die den Konfliktdimensionen entsprechen. Dann werden die dazu passenden Visionen (problembefreite Zustände) herausgearbeitet, um daran die Lösung zu orientieren. Die Einigung manifestiert die Lösung.

Auch wenn der Ablauf einer Mediation nach der kognitiven Mediationstheorie entspricht, ist sein nicht die Beilegung des Konfliktes, sondern die Stabilisierung des Gleichgewichts. Die Phasen 2 bis 4 bleiben Methodisch anschlussfähig:

  1. In der 2.Phase werden potenzielle Spannungsfelder erfasst.
  2. In der 3.Phase wird geklärt, wie eine stabile, konfliktfreie Situation aussehen soll.
  3. In der 4.Phase werden präventiv wirkende Vereinbarungen entwickelt.

Bedeutung für die Mediation

Konfliktprävention ist keine Alternative zur Mediation, sondern eine ihrer anspruchsvollsten Anwendungen – vor dem Konflikt, nicht gegen ihn.