Transgressive Mediation
Die Mediation ist ein Prozess der gelebten Vernunft. Sie kommt nicht ohne Vernunft und die Vernunft nicht ohne Mediation aus.
Der Begriff transgressive Mediation bezeichnet einen Mediationsansatz, der insbesondere im deutschsprachigen Raum mit dem Mediator und Autor Ed Watzke verbunden ist. Der Ansatz richtet sich vor allem an hoch eskalierte, chronische Konflikte, in denen klassische, phasenorientierte Mediationsmodelle an ihre Grenzen stoßen. „Transgressiv“ verweist dabei auf das bewusste Überschreiten vertrauter methodischer und kommunikativer Muster, ohne dabei den professionellen Rahmen der Mediation zu verlassen.
Begriffliche Einordnung
Das Wort transgressiv geht auf das lateinische Verb transgredi zurück. Das setzt sich zusammen aus trans, was mit hinüber, darüber hinaus oder jenseits übersetzt werden kann und dem Verb gradi oder gressus, das mit schreiten, gehen, einen Schritt machen zu übersetzen ist. Transgredi bedeutet also wörtlich so viel wie hinübergehen, überschreiten, einen Schritt über eine Grenze hinaus machen.
Einordnung in die Mediationssystematik
Die Mediationssystematik unterscheidet verschiedene Klassen, die in ihrer Kombination ein klares Bild über die Leistungsfähigkeit der Mediation ergeben. Das Mediationsverständnis bildet den Ausgangspunkt. Es gibt die Ausrichtung vor. Diese Mediation fällt in die Kategorie:
Der Begriff „transgressiv“ wird auch in anderen Kontexten verwendet, etwa im Zusammenhang mit Grenzverletzungen oder Fehlverhalten („transgressive behaviour“). Diese Verwendung ist begrifflich nicht mit der transgressiven Mediation im mediationsfachlichen Sinne identisch und sollte klar davon abgegrenzt werden.
Zentrale Grundannahmen
Transgressive Mediation geht von der Annahme aus, dass in stark eskalierten Konflikten nicht in erster Linie die Sachthemen das Problem darstellen, sondern die verfestigten Kommunikations- und Interaktionsmuster der Beteiligten. Diese Muster verhindern Dialogfähigkeit, noch bevor inhaltliche Klärung oder Interessenarbeit möglich wird.
Im Unterschied zu klassischen Mediationsmodellen setzt transgressive Mediation daher häufig vor der vertieften Konfliktbearbeitung an. Ziel ist zunächst die Herstellung eines minimalen, tragfähigen Kooperations- oder „Friedenszustands“, der überhaupt erst ermöglicht, dass Gespräche wieder konstruktiv geführt werden können. Erst auf dieser Basis wird eine weitergehende Bearbeitung der Konfliktthemen sinnvoll.
Methodischer Ansatz
Charakteristisch für die transgressive Mediation ist ein stark situativer und erfahrungsbasierter Einsatz von Interventionen. Anstelle eines strikt eingehaltenen Phasenmodells arbeitet der Mediator mit Vorgehensweisen, die darauf abzielen, destruktive Kommunikationsmuster sichtbar zu machen, zu irritieren und in Bewegung zu bringen. Im Zentrum steht nicht die Anwendung festgelegter Methoden, sondern deren Passung zur konkreten Konfliktdynamik.
Zum methodischen Repertoire gehören unter anderem bildhafte Sprache, Metaphern und narrative Elemente sowie – situationsangemessen – Humor oder paradoxe Interventionen. Diese Mittel dienen nicht der Provokation um ihrer selbst willen, sondern der Lockerung verfestigter Denk- und Reaktionsmuster, um einen neuen Zugang zum Dialog zu eröffnen. In der Literatur wird dieser Ansatz teilweise mit der Metapher des „Hofnarren“ beschrieben: einer Rolle, die kontrollierte Grenzüberschreitungen erlaubt, um Erkenntnis und Bewegung zu ermöglichen, ohne die Beteiligten zu verletzen.
Methodisch greift die transgressive Mediation auf Impulse aus verschiedenen psychotherapeutischen und systemischen Ansätzen zurück. Besonders prägend ist der Einfluss von Milton H. Erickson, dessen Arbeiten dadurch gekennzeichnet sind, dass Widerstand nicht bekämpft, sondern genutzt wird. Erickson folgte keinen starren Techniken, sondern intervenierte situativ, kreativ und häufig indirekt, etwa über Metaphern, Geschichten, paradoxe Impulse und gezielte Irritationen. Ergänzend finden sich Bezüge zur provokativen Therapie nach Frank Farrelly, zu lösungsorientierten und systemischen Ansätzen sowie zum Psychodrama.1
Ablaufverständnis statt Phasenmodell
Transgressive Mediation folgt keinem festen Phasenplan. Gleichwohl lassen sich typische Schwerpunkte beschreiben. Am Anfang steht meist ein bewusster Schritt hin zu einem Arbeitsbündnis oder einer vorläufigen Befriedung der Beziehungsebene. Darauf aufbauend richtet sich die Aufmerksamkeit auf die beobachtbaren Kommunikationsmuster der Parteien. Erst wenn diese Muster sich verändert oder gelockert haben, wird die Bearbeitung der eigentlichen Konfliktinhalte wieder möglich und tragfähig.
Der Ansatz versteht sich damit weniger als alternatives Verfahren, sondern als eine besondere Art des Vorgehens innerhalb der Mediation, die sich an der Eskalationsdynamik und Aufnahmefähigkeit der Parteien orientiert.
Hartung führt aus, dass die transgressive Mediation das dionysische Prinzip des Denkens nutze, um sich mehr mit den inneren Vorgängen und Emotionen zu beschäftigen. Der Weg sei oft irrational, besonders wenn es um den Friedensschluss der Medianden gehe. Der Frieden sei die Voraussetzung um Probleme überhaupt lösen zu können.2 Das entspricht auch anderen Konzepten, die zunächst die Werte- und Beziehungskonflikte klären, ehe sie sich dem Sachkonflikt, also dem Problem zuwenden.3
Anwendungsfelder
Transgressive Mediation wird vor allem für Konflikte beschrieben, die sich über lange Zeit verfestigt haben und durch hohe emotionale Aufladung, Wiederholungsschleifen und Kommunikationsabbrüche gekennzeichnet sind. Typische Anwendungsfelder finden sich in Organisationen, in familiären Dauerkonflikten oder in sozialen Kontexten, in denen frühere Vermittlungsversuche erfolglos geblieben sind.
Chancen, Grenzen und Anforderungen
Der Ansatz eröffnet besondere Chancen dort, wo klassische mediative Gesprächsführung nicht mehr greift. Zugleich ist transgressive Mediation anspruchsvoll und setzt ein hohes Maß an professioneller Erfahrung, Intuition, Empathie und Selbstreflexion voraus. Da mit Irritation, Humor oder Grenzverschiebung gearbeitet wird, besteht stets das Risiko von Missverständnissen oder Verletzungen, wenn Timing und Beziehungssicherheit nicht gegeben sind.
Als Qualitätskriterien gelten daher eine transparente Auftragsklärung, ein hohes Maß an Achtsamkeit gegenüber den Parteien sowie die Fähigkeit des Mediators, jederzeit wieder in eine zurückhaltende, strukturierende Rolle zu wechseln.
Bedeutung für die Mediation
Die transgressive Mediation ist ein Beleg dafür, das die Mediation auch für hoch eskalierte Dauerkonflikte eingesetzt werden kann. Dass die Verwirrung ein Konzept der Mediation darstellt, wurde bereits im Order from Noise-Prinzip von Heinz von Foerster dargelegt.4 Dass die Mediation bei hoch eskalierten Konflikten möglich ist, wurde bei der integrierten Mediation nachgewiesen, die sich an der Lösungsorientierten Kurztherapie ausrichtet.5 Dass die Phasenfolge variabel ist, wurde auch bereits mit anderen Konzepten nachgewiesen. Voraussetzung ist jedoch, ob sich dennoch die Logik der Mediation herstellt. Für diese Einordnung lohnt es sich, die transgressive Mediation weiter zu erforschen.
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