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Projizierte Unwahrheit

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Wissensmanagement » Abteilung Wissen → Archiv
Ein erkenntnistheoretisches, kommunikationspsychologisches und mediationsrelevantes Phänomen

Die projizierte Unwahrheit beschreibt einen Wahrnehmungs- und Interpretationsmechanismus, bei dem eine Person ihre eigene Überzeugung, dass der andere lügt, manipuliert oder unehrlich ist, als objektive Wirklichkeit ausgibt — lange bevor eine tatsächliche Aussage überprüft werden könnte.

Es handelt sich nicht um eine klassische Lüge, sondern um eine subjektive Konstruktion von Wirklichkeit, die dem Gegenüber eine Unwahrheit unterstellt, unabhängig davon, was dieser tatsächlich denkt, meint oder tut. Dadurch entsteht eine Verschränkung von Wirklichkeiten, die für Kommunikation, Vertrauen und Konfliktverläufe hochrelevant ist.

Definition

Projizierte Unwahrheit bezeichnet die kognitive und emotionale Tendenz einer Person, dem Gegenüber automatisch Unwahrhaftigkeit zuzuschreiben und dessen Äußerungen oder Verhalten ausschließlich durch die Linse dieser Annahme zu interpretieren. Die Projektion erzeugt eine selbstreferenzielle Realität, welche die tatsächliche Wirklichkeit der anderen Person überlagert oder verzerrt und eine gemeinsame Realität verhindert.**

Die projizierte Unwahrheit ist weniger eine Aussage über die faktische Wahrheit, sondern vielmehr eine psychische Gewissheit, die sich gegenüber allen widersprechenden Informationen immun verhält.

Beispielhafte Ausgangsüberzeugung

„Egal was du sagst — du lügst sowieso immer.“

Dieser Satz ist nicht als Prüfung einer Aussage gemeint, sondern als Vorannahme, die jeder späteren Kommunikation ihren Sinn entzieht. Sie bestimmt die Bedeutungszuweisung des Hörers schon im Vorfeld.

Psychologische Grundlagen

  1. Projektion: Die eigene Angst vor Täuschung, das Bedürfnis nach Kontrolle oder frühere Verletzungen werden auf das Gegenüber übertragen. Die eigene innere Geschichte wird auf den anderen projiziert und als dessen vermeintliche Realität ausgelegt.
  2. Selektive Wahrnehmung: Informationen, die die Vorannahme stützen, werden bevorzugt wahrgenommen; widersprechende Informationen werden abgewertet oder ignoriert.

→ Es entsteht eine Filterrealität.

  1. Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Die vorweggenommene Annahme, dass der andere lügt, schafft einen selbstverstärkenden Kreislauf.
  2. Attributionsverzerrung: Eigene Fehler werden situativ entschuldigt („Ich konnte nicht anders“), während das Verhalten des anderen als Charakterfehler gedeutet wird („Er lügt, weil er so ist“).

Kommunikationstheoretische Einordnung

  1. Störungen im Kommunikationskanal: Die projizierte Unwahrheit wirkt wie ein Rauschen im Sender-Empfänger-Modell: Der Sender kann keine Klarheit erzeugen, der Empfänger kann keine Klarheit empfangen.
  2. Bedeutungs- und Wirklichkeitskollision: Die subjektive Realität der projizierenden Person überlagert die Realität der anderen Person. Es entsteht keine Schnittmenge mehr, aus der ein gemeinsamer Sinn entstehen könnte. Die Beziehungsebene wird absolut dominierend, während die Sachebene irrelevant wird.

Mediationsrelevanz

In der Mediation tritt die projizierte Unwahrheit häufig in eskalierten Konflikten auf, insbesondere bei:

Trennung und Scheidung

verletzungsbasierten Konflikten

Machtasymmetrien

Lügen- und Loyalitätsvorwürfen

langanhaltenden innerfamiliären Konflikten

destruktiven Verhandlungsmustern

Auswirkungen auf den Mediationsprozess

Vertrauen kann nicht entstehen

Aussagen der anderen Partei werden grundsätzlich entwertet

Verstehen wird verhindert

Interessenklärung kommt nicht voran

Lösungen werden als manipulativ interpretiert

der Konflikt reproduziert sich selbst

Die projizierte Unwahrheit verhält sich wie ein epistemisches Bollwerk, das fremde Wirklichkeit nicht zulässt.

Verschränkung von Wirklichkeiten

Besonders kritisch ist, dass die projizierte Unwahrheit nicht isoliert bleibt. Sie ruft beim Gegenüber Reaktionen hervor:

Rechtfertigung

Rückzug

Gegenangriff

Unsicherheit

Vage oder defensive Kommunikation

Diese Reaktionen dienen dann wiederum als „Beweis“ für die ursprünglich projizierte Unwahrheit:

„Siehst du? Genau das meine ich: Lüge!“

So entsteht ein selbstverstärkendes Wirklichkeitsgewebe, das beide Parteien in ihren subjektiven Gewissheiten einschließt. Die Realität verschränkt sich, aber nicht in einem gemeinsamen Sinn, sondern in einem gegenseitig stabilisierten Missverständnis.

Interventionen in der Mediation
1. Externalisierung der Annahme

Die Unterstellung („Du lügst sowieso“) wird nicht als Fakt, sondern als innere Konstruktion thematisiert.

2. Meta-Kommunikation

Die Bedeutungsebene wird aufgeklärt:
Was bedeutet „Lüge“?
Was wird befürchtet?
Worum geht es tatsächlich?

3. Perspektivenklärung

Die subjektiven Wahrheiten werden nebeneinandergestellt, ohne sie zu hierarchisieren.

4. Entlastung der Beziehungsebene

Der Mediator trennt Person, Motivation und Verhalten.

5. Reorientierung auf gemeinsame Wirklichkeitsbildung

Schaffung eines „dritten Raums“, in dem weder die eine noch die andere subjektive Wahrheit dominieren muss.

Funktion im Konflikt

Die projizierte Unwahrheit ist nicht nur eine Verzerrung — sie erfüllt unbewusste Funktionen:

Stabilisierung der eigenen Identität

Schutz vor Verletzung

Steuerung von Nähe und Distanz

Erhalt eines moralischen Vorteils

Kontrolle über die Konfliktdynamik

Diese Funktionen zu erkennen ist ein wesentlicher Schritt im Mediationsprozess.

Fazit

Die projizierte Unwahrheit ist ein machtvolles Phänomen im zwischenmenschlichen Konflikt. Sie erzeugt eine alternative, selbstreferenzielle Wirklichkeit, die die Wahrnehmung des Gegenübers überlagert und dadurch Verständigung verhindert. Für Mediatoren ist es zentral, diese Dynamik zu erkennen, zu benennen und in einen Prozess des gemeinsamen Sinnverstehens zu überführen.

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Hinweise und Fußnoten
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Bearbeitungsstand: 2025-11-18 12:29 / Version .

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