Unstreitig soll sich etwas ändern.
Doch die eigentliche Frage lautet nicht mehr, ob sich unsere Gesellschaft wandelt, sondern wie wir diesen Wandel gestalten.
Politische Systeme verlieren ihre Stabilität, wenn sie den Konsens verlieren. Wirtschaftliche Ordnungen geraten unter Druck, wenn sie ihre Legitimation einbüßen. Was wir derzeit erleben, ist kein Ausnahmezustand, sondern ein Übergang. Alte Gewissheiten tragen nicht mehr, neue haben sich noch nicht etabliert. In solchen Phasen wächst die Versuchung, Veränderung mit Zerstörung zu verwechseln.
Zerstörung ist keine Form von Gestaltung. Sie ist die Abkürzung, die Komplexität vermeidet, Verantwortung externalisiert und am Ende genau das reproduziert, was sie überwinden wollte. Gesellschaften scheitern nicht an Konflikten. Sie scheitern an der Unfähigkeit, Konflikte so auszutragen, dass Kommunikation möglich bleibt.1
Ausschlaggebend ist eine einfache, aber unbequemen Überlegung:
Wenn sich unser Denken verändert, verändert sich Gesellschaft. Frieden ist kein Idealismus – Frieden ist Vernunft. Er beginnt dort, wo wir aufhören, den Anderen als Gegner zu behandeln und wo wir aufhören, im Nullsummenspiel zu denken, wo es nur darumngeht, den Gegner zu vernichten. Dieser Erkenntnis folgt mein politisches Statement, das leiser ist als Parolen, aber wirksamer als Empörung:
Ich wähle nur, was verbindet.
Nicht, weil Konflikte verschwinden sollen – sondern weil sie nur so zu bewältigen sind.2
Es gibt viele Optionen
Theoretisch zumindest könnten die aktuellen Krisen und die politischen Konflikten auf der Welt in einen Weltfrieden führen. Das wäre die vernünftigste Lösung. Es ist keine Frage der Fähigkeit. Der Mensch wäre durchaus dazu in der Lage. Es ist eine Frage der Bereitschaft. Nutzen wir die Chance auf Veränderung, um aus dem feindlichen Denken herauszuführen? Nur so wird es gelingen, dass das Problem nicht. Dann wird sich die Veränderung nur auf die Vorzeichen erstrecken, indem der Feind, der Herrscher oder die Regierung ausgetauscht werden. Auch dann ändert sich nicht viel, weil der Mechanismus derselbe ist. Wenn ich einen Baum fotografiere und aus dem Positiv ein Negativ mache oder aus einem Negativ ein Positiv, bleibt es immer derselbe Baum. Muss ich den Baum zerstören, um etwas zu ändern oder genügt es, die Landschaft zu betrachten, um den Baum in einem anderen Licht zu erblicken? Die von vielen herbeigerufene Zerschlagung suggeriert, sich von einem Übel zu befreien. Wird das wirklich geschehen? Ist es nicht eher so, dass die Befreiung letztlich nur dazu führt, dass ein Übel gegen ein anderes ausgetauscht wird?
Was auf den ersten Blick verheißungsvoll erscheint, verliert seinen Reiz, wenn sich der Mensch immer mitnimmt, wenn er die Evolution hinter sich lässt und wenn er trotzdem versucht, sich jedes System und sogar die Natur zu unterwerfen. Vielleicht muss nicht das System, sondern der Mensch geändert werden? Aber wahrscheinlich geht das eine mit dem anderen einher.
Der alte Irrtum der Zerstörung
Die politische Bedeutung von Veränderung führt schnell in die Radikalisierung, deren Vorstufe die Polarisierung ist. Das Entweder Oder tritt in den Vordergrund. Mit dieser Entscheidungsbreite nimmt die Zahl der Optionen und Möglichkeiten ab. Das Oder wird zur Vernichtung des Entweders. „Wir müssen das System zerstören, um es neu aufzubauen“, lautet der Ruf. Er scheint gerechtfertigt, wenn das Problem nicht Teil der Lösung bleiben soll. Gemeint ist, das Negativ des Baumfotos gegen das Positiv auszutauschen. Für die einen klingt es nach einer entschlossenen Notwendigkeit, für die anderen nach dem Eingeständnis von Terrorismus. Die Zerstörungslogik ist alt. Wie hätte in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg ein Gesinnungswechsel geschehen können, ohne die systemische Vernichtung der deutschen Politik. Die Vernichtung zieht sich durch Revolutionen, Ideologien und Machtkämpfe. Oft wird sie Machiavelli zugeschrieben – und ebenso oft missverstanden: als Legitimation, den Gegner zu entwerten, zu beschimpfen, moralisch auszulöschen, um selbst handlungsfähig zu erscheinen.
Das Problem ist nicht der Wunsch nach Veränderung.
Das Problem ist das Mittel der Zerstörung.
Geschichte zeigt immer wieder: Revolutionäre erschaffen nach der Revolution häufig Systeme, die härter, autoritärer und unmenschlicher sind als jene, die sie bekämpft haben. Nicht, weil ihre Ziele schlecht wären – sondern weil sie die Werkzeuge der Zerstörung übernehmen, die sie eigentlich überwinden wollten.
Ein alter Satz bringt diese Blindstelle radikal auf den Punkt. Im Koran (Sure 5, Vers 32) heißt es sinngemäß:
Man kann diesen Satz religiös lesen – oder systemisch:
Wer den Anderen vernichtet – moralisch, sozial, symbolisch –, zerstört das Gefüge, das er selbst zum Leben braucht.
Dasselbe gilt, wenn man lediglich das Vorzeichen wechselt.
Wer lauter schreit oder besser lügt, ändert kein System – er ändert nur Parolen und Nutznießer. Die Lüge verschwindet nicht. Sie bekommt nur ein anderes Gesicht.
Was soll ich wählen?
Hat der Bürger Einfluss auf das Geschehen? Was kann der einzelne tun, wenn er kein Funktionär ist. Offenbar brauchen die Politiker und die Mächtigen den Einzelnen, sonst müssten sie ihn nicht belügen, Wahlen manipulieren und Zustimmungswerte erpressen. Solange der Bürger nicht widerspricht, scheint alles im grünen Bereich. Ist das eine Aufforderung zur Revolution? Es ist wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Man kann daran arbeiten, solange man sich austauschen kann. Wenn die Kommunikation versagt, bleibt nur der Exodus. Dieser Gedanke ergibt ein Kriterium für die politische Wahl.
Ich wähle die Partei, mit der eine Kommunikation möglich ist, die sich hinterfragt und auf Kritik einlässt. Das ist nicht die Partei, die am lautesten krakelen kann oder die Loyalisten schafft. Parteien machen Versprechungen. Versprechungen werden als Lösungen verkauft. Abgesehen davon, dass sich erfahrungsgemäß kaum jemand daran hält, bleibt eine tiefere Frage offen:
Welche Bedeutung hat das alles?
Bedeutung sucht nach Sinn. Sinn beruht auf Werten.
Aber wo finde ich das eine und wo das andere? Etwa in Slogans? In der Propaganda? In der äußeren Erscheinung der Kandidierenden?
Hier beginnt das Dilemma. Ein weiser, empathischer, altruistischer Mensch wirkt auf das Wahlvolk oft weniger überzeugend als ein lauter, rücksichtsloser Akteur. Stärke wird mit Härte verwechselt. Weisheit mit Schwäche. Kennen Sie einen Politiker, der die Anforderungen nach Weisheit erfüllt? Die ehrliche Antwort lautet meist: Nein.
Nicht wählen – oder falsch wählen?
Wäre die logische Konsequenz also, nicht zu wählen? Dann fällt das Zitat von Niemöller ein.3
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschaftler.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.
Vielleicht ist die systemisch verhinderte Nichtwahl der Grund, warum heute viele Menschen eine Partei wählen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Sie wählen nicht aus Überzeugung, dass die Partei ihre Interessen vertritt, sondern aus der Angst, dass ein anderes Übel aufkommt, wenn das Über vernichtet wird. Damit entsteht ein paradoxes Ergebnis:
Bürger wählen nicht, was sie wollen. Sie wählen, was sie nicht wollen, um Schlimmeres zu verhindern. Leider verkennen die Gewählten, dass sie gar nicht gewählt wurden, sondern dass lediglich der Gegner abgewählt werden sollte. Das System verkürzt die Kommunikation des Wählers. Eine systemische Verbesserung könnte den Wahlzettel um die Nichtwahl erweitern oder mit einer Umfrage versehen. Zwar gilt es als Nichtwahl wenn der Wahlzettel ungültig gemacht wird. Die Konsequenz ist aber lediglich, dass die obsiegende Partei weniger Steuermittel erhält. Das Ergebnis würde immer noch eine Partei mit 50% der Wählerstimmen als Sieger erklären, obwohl nur 30% der Bürger gewählt haben. Rechnerisch wären die Partei nicht einmal von 15% der Bürger gewählt worden. Was würde geschehen, wenn die ungezählten Stimmen der Nichtwähler, einfach der Partei mit den geringsten Stimmen zugeschrieben würde? Der Populismus hätte in dem Moment keine Chance mehr. Die Paradoxie deckt die Schwäche auf. Ganz abgesehen davon, gibt es Wahlsysteme, wie das systemische Konsensieren, das die Nichtwahl einfangen kann und ein ehrlicheres Ergebnis produziert.4 Es wäre also durchaus möglich, den Bürger kommunikativ einzufangen.
Eine andere Entscheidung
Das Beispiel soll zeigen, dass es keinen Grund gibt, ein System zu zerschlagen, wenn es die Chance hat, sich zu ändern. Es gibt keinen Grund zwischen Pest und Cholera zu wählen. Es gibt aber 82 Millionen Gründe nicht zu schweigen. Nicht zu schweigen heißt, die Auseinandersetzung zu suchen. Hier lernen wir von der Mediation. Denn die Mediation ist eine Auseinandersetzung ohne Streit. Die Überlegung ist also nicht, wie ich kommuniziere oder mich politisch positioniere um meinen Standpunkt darzustellen. Die Frage ist, wie ich eine Auseinandersetzung herbeiführen kann.
Nur wählen, was verbindet. Wenn diese Formel zur Bedingung wird, dass überhaupt Stimmen abgegeben werden, haben die Politiker keine andere Wahl als sich zu erklären. Diese Formel ist kein moralischer Appell. Sie ist ein politisches Kriterium. Wenn sich diese Einstellung verbreitet, müssten sich Parteien nicht mehr über Feindbilder attraktiv machen, sondern über ihre Fähigkeit, sich verständlich zu machen und zu verbinden. Vielleicht ist das ein mediativer Schritt – klein, unspektakulär, aber konsequent – in Richtung einer harmonischeren politischen Zukunft.
Die Krise der Spaltung
Warum die Fähigkeit sich zu verbinden wichtiger ist als Inhalte folgt der Überlegung, dass wir in einer Zeit massiver Polarisierung leben. Politik, Medien und soziale Netzwerke profitieren von der Zuspitzung. Aufmerksamkeit entsteht durch Trennung. Identität durch Abgrenzung. Zugehörigkeit durch Feindbilder. Was würden diese Politiker vertreten, wenn sie auf Feindbilder verzichten müssten. Fiele ihnen überhaupt noch etwas ein?
Dieser Gedankengang wäre der entlarvende Weg der Mediation. Sie sucht nach Visionen, nach Sinnhaftigkeit und Bedeutung. Nichts von dem erschließt sich aus einem Feindbild. Stellen Sie sich vor, alle Mächte der Welt wären Freunde. Was wäre anders? Es gäbe keine Armut, es gäbe keine Energieknappheit, es gäbe keine Vernichtungsverluste und so weiter. Die Vision eines Nullsummenspiels kann nur der Sieg über was auch immer sein.
Die Entscheidung, nur zu wählen, was verbindet, ist nicht naiv, sondern subversiv. Sie widerspricht einem politischen Geschäftsmodell, das von Spaltung lebt. Das ist keine Friedensromantik. Es ist Widerstand gegen eine Logik, die langfristig alles zerstört.
Warum das Trennende kurzfristig wirkt – und langfristig zerfällt
Psychologisch funktioniert Polarisierung hervorragend. Sie schafft Klarheit, Entlastung und moralische Überlegenheit. Wer den Gegner abwertet, muss sich selbst nicht prüfen. Wer Schuld externalisiert, spart Selbstreflexion. Kurzfristig entsteht Zusammenhalt nach innen. Langfristig zerfällt die Gesellschaft nach außen – und irgendwann auch nach innen. Denn Systeme, die sich über Negation definieren, wissen sehr genau, wogegen sie sind – aber nicht, wie Zusammenleben gelingen soll.
Negation ist keine Alternative.
Zerstörung ist kein Programm.
Empörung ist kein Ordnungsprinzip.
Verbindung als politisches Auswahlkriterium
„Ich wähle nur, was verbindet“ fragt konkret:
- Schafft diese Haltung Gesprächsräume – oder schließt sie Menschen aus?
- Baut dieses Programm Brücken – oder vertieft es Gräben?
- Ermöglicht diese Sprache Kompromisse – oder macht sie unmöglich?
- Hält diese Vision Vielfalt aus – oder braucht sie Feindbilder?
Verbindend ist nicht, wer Konflikte leugnet.
Verbindend ist, wer Konflikte austrägt, **ohne den Gegner zu entmenschlichen**.
Vom Alltag zur Weltordnung
Verbindung beginnt lokal: in der Nachbarschaft, im Betrieb, in der Kommune, im Umgang mit Andersdenkenden. Hier entscheidet sich, ob politische Werte überhaupt lebensfähig sind. Globale Ethik ohne lokale Empathie bleibt leer. Doch Verbindung endet nicht an der Haustür. In einer Welt globaler Abhängigkeiten ist Abschottung keine Lösung, sondern Selbsttäuschung. Was wir brauchen, ist keine Vereinheitlichung, sondern faire Rahmenbedingungen: Strukturen, die Kooperation erzwingen, wo Konkurrenz zerstörerisch wird.
Verbindung ist Widerstand
„Ich wähle nur, was verbindet“ ist kein Ausdruck politischer Bequemlichkeit. Es ist eine Entscheidung gegen ein Geschäftsmodell, das von Spaltung lebt. In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit durch Zuspitzung entsteht und Macht durch Feindbilder stabilisiert wird, wirkt Verbindung beinahe subversiv.
Wer verbindet, verweigert die einfache Rolle des Gegners.
Wer verbindet, hält Widerspruch aus, ohne den Anderen zu entmenschlichen.
Wer verbindet, akzeptiert Konflikt – aber nicht dessen Eskalation zur Zerstörung.
Diese Haltung verspricht keine schnellen Siege. Sie eignet sich nicht für Schlagzeilen. Doch sie schafft etwas, das Gesellschaften dringend benötigen: die Fähigkeit, sich selbst zu korrigieren, ohne sich zu zerreißen.
Verbindung verhindert nicht jeden Konflikt.
Aber sie verhindert, dass Konflikt zur Selbstzerstörung wird.
Vielleicht ist das keine große Revolution.
Vielleicht ist es nur ein leiser, konsequenter Schritt.
Doch in einer Welt, in der Spaltung belohnt wird, ist genau das Widerstand.
Arthur Trossen
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