Die Problematik der Kontaktintervention
Rolle, Grenzen und Entscheidungslogik im Vorfeld von Mediationen
Die meisten Mediationen scheitern daran, dass sie erst gar nicht zustande kommen. Das kann verschiedene Gründe haben. Immer häufiger ist zu beobachten, dass eine Partei mediationsoffen ist und sich mit der Frage an den Mediator wendet, wie die Gegenseite von der Mediation überzeugt werden kann. In ihrer Verzweiflung bittet sie den Mediator um eine Intervention und fordert ihn sogar auf, selbst den Kontakt herzustellen. Es ist eine schwierige Situation, die ein besonderes Fingerspitzengefühl erfordert.1
Worum es geht
Der einseitige Erstkontakt ist ein Regelfall bei der Mediationsanbahnung. Die Partei erkundigt sich nach der Mediation und den Konditionen und kommuniziert das Angebot an die Gegenseite, bis sich beide Seiten für die Mediation entscheiden können. Nicht immer gelingt die Kommunikation zwischen den Parteien. Es gibt unauffällige Möglichkeiten, wie der Mediator die Parteien bei der Entscheidung unterstützen kann. So ist es möglich, dass die Parteien an einem unverbindlichen, kostenlosen Informationsgespräch teilnehmen. Die Hürde ist relativ leicht zu nehmen. Die Parteien können sich darauf verständigen, weil sich jede Partei ein Bild machen kann, wo sie steht und was auf sie zukommt. Auch ist es möglich, dass der Mediator der anfragenden Partei einen Link zur Verfügung stellt, (z.B. https://wiki-to-yes.org/Mediation) den die Partei an die Gegenseite weiterleiten kann. Die vorbereitenden Möglichkeiten werden bei der Methodenbesprechung zur Vorphase im Beitrag Anbahnungsmethode im Einzelnen aufgeführt.
Maßnahmen, um die Mediation zu ermöglichen
Typische Ausgangslagen
Um die geeignete Maßnahme zu ergreifen, sollte in etwa klar sein, woran die Zurückhaltung oder die Weigerung der Gegenseite liegt. Im Zweifel begegnen Sie dem ersten Lösungshindernis, weshalb zunächst zu klären ist, welche Hürde die Gegenseite überhaupt davon abhält, eine Mediation durchzuführen. Die möglichen Hürden sind im Beitrag über die Startprobleme aufgeführt. Das Verhalten der Gegenseite kann verschiedene Gründe haben. Die Praxisbeobachtung zeigt typische Ausgangslagen, auf die ein besonderes Augenmerk zu richten ist:
- Einladung: Oft liegt die Ablehung einfach nur an der Art und Weise, wie die Partei das Angebot, die Aufforderung oder den Vorschlag zur Durchführung einer Mediation unterbreitet hat. Schnell kann die Einladung mit einem unbewussten Vorwurf verbunden sein oder mit einer ungewollten Drohung oder Abwertung. Solange die Parteien noch miteinander kommunizieren, können Sie den Weg in die Mediation immer noch selbst finden. Sie könnten z.B. klarstellen, dass der Vorschlag zur Durchführung einer Mediation wertschätzend gemeint war. Wo die mündliche Kommunikation verunglückt, kann sie schriftlich nachgeholt werden. Ein Beispiel für einen schriftlichen Mediationsvorschlag finden Sie in der Formularsammlung.
- Informationsmangel: Geht es nur darum, dass die Partei keine Vorstellung davon hat, was eine Mediation ist und was sie leistet oder wie sie strategisch zur Konfliktbeliegung passt, hilft meist ein Link auf eine Informationsseite wie z.B. https://wiki-to-yes.org/Mediation oder die Teilnahme an einem kostenlosen Infogespräch eine gute Option.
- Konflikteskalation: Schwieriger sind die Fälle, wo die Verweigerung aus dem Konflikt heraus erfolgt. Oft ist es einfach nur der Konflikt, der die Ablehnung veranlasst.
- Fehleinschätzungen: Der Vorschlag zur Durchführung einer Mediation passt nicht in die strategische Einschätzung des gegnerischen Verhaltens. Wenn jemand als aggressiv wahrgenommen wurde, löst der Wechsel in eine Kooperation auf Misstrauen aus.
Startprobleme (Ablehnungsgründe für Mediation) Konfliktverhalten
Der Handlungsbedarf
Von diesen Ausgangslagen sind die Fälle zu unterscheiden, wo die Kommunikation zwischen den Parteien völlig zusammengebrochen ist. Die Partei erlebt die Gespräche mit der Gegenseite als blockiert oder eskalierend. Wenn sie nicht zum Anwalt geht und Eskalation vermeiden will, ist der Mediator die nahe liegende Wahl. Je größer der Widerstand, umso größer muss der Druck sein, den Gegner zu bewegen. Je mehr argumentiert wurde, umso überzeugender müssen die Gegenargumente sein, lautet die impulsive Reaktion. Je mehr Ablehnung und Widerstand - meint man - umso größer muss der Aufwand sein, das Ziel zu erreichen. Es ist nicht immer eine gute Idee, weil das Konfrontationsspiel unbewusst fortgesetzt wird.
In ihrer Hilflosigkeit veranlasst die Partei, den Mediator aufzufordern, die Gesprächs- und Kontaktdefizite der Gegenseite zu überwinden. Am liebsten ist es ihr, wenn der Mediator in eigenem Namen mit der Gegenseite Kontakt aufnimmt, Inhalte erklärt oder einordnen hilft, damit die Einladung zur Mediation einen professionellen Anstrich bekommt. Natürlich soll die Partei am besten noch in alles involviert sein, etwa indem sie in das CC der eMails kopiert wird.
Die Vorschläge sind wahrscheinlich durchaus deeskalativ gemeint. Sie bergen aber die Gefahr, das Gegenteil zu bewirken, wenn es zu einer transaktionalen Verschiebung oder zu einer Triangulierung kommt. Der Grundsatz lautet:
-
Der Schuss nach hinten
Wie eingangs erwähnt, bedarf es eines Fingerspitzengefühls, um mit der Situation korrekt umzugehen. Entscheidend ist, wie die Gegenseite die Situation einschätzt. Da der Mediator diese Seite nicht kennt, weiß er nicht, was wie bei ihr ankommt. Jede seiner Aktionen birgt deshalb ein potenzielles Risiko, das Gegenteil zu erwirken von dem was erreicht werden soll. Ausschlaggebend sind die unterschiedlichen Perspektiven. Entscheidend ist die Perspektive der Gegenseite, von der eine Zustimmung zur Mediation erwartet wird.
Folgende Faktoren sind ausschlaggebend für eine Situationsanalyse:
- Der bisherige Konfliktverlauf und die sich daraus ergebende Konfliktstrategie und die Konflikteskalation
- Das Rollenverständnis des Mediators aus Sicht des Gegners
- Das Rollenverständnis des Mediators aus Sicht der Partei
- Das eigene Rollenverständnis des Mediators
Egal, was der Mediator unternehmen wird, seine Rolle als Repräsentant der Metaebene darf nicht beschädigt werden! Seine Haltung, die sich hinter dem Vorgang verbirgt, muss der Mediation entsprechen, nicht nur aus seiner Sicht, sondern aus der Sicht aller Beteiligter, wenn er als Mediator zur Verfügung stehen soll.
Das zentrale Risiko sind der Neutralitätsverlust und die Instrumentalisierung des Mediators. Es kommt nicht darauf an, dass er tatsächlich seine Neutraliät verloren hat oder instrumentalisiert wird. Es kommt darauf an, welchen Eindruck die Vorgehensweise auf die Beteiligten hinterlässt. Keinesfalls darf der Mediator – wenn auch unbeabsichtigt – zur Einflussressource einer Konfliktpartei werden.
-
Typische Warnsignale ergeben sich aus der Idee, dass der Mediator den vorgeschlagenen Schritt in die Konfliktbeilegung „besser erklären“ soll, dass seine Autorität Widerstände überwinden soll, dass er zum Absender einer Konfliktgeschichte wird oder dass Neutralität behauptet, aber nicht mehr erlebt wird.
Prozessintervention vor Inhaltsintervention
Für den einseitigen Erstkontakt hat sich eine klare Unterscheidung bewährt.
- Eine Intervention wird nur dann erforderlich, wenn die Kommunikation der Parteien gestört ist. Solange die Parteien noch miteinander reden können, ist es immer besser den Weg in die Mediation aus eigener Kraft zu gehen. Der Mediator kann gegebenenfalls erkennend - im Rahmen eines Einzelgesprächs - zur Seite stehen.
- Eine Prozessintervention wäre zulässig und zu empfehlen, wenn eine Kommunikation zwischen den Parteien nicht in Betracht kommt und wenn die Einladung zur Mediation neutral gehalten werden kann. Wenn sie nur kurze Informationen über die Mediation enthält und nicht mehr ist, als eine Abfrage von Bereitschaft (keine Empfehlung, Belehrung oder Beratung)!. Die Einladung kann mit dem Angebot eines unverbindlichen Vorgesprächs kombiniert werden oder den organisatorischen Rahmen festlegen.
- Eine Inhaltsintervention stellt ein extrem hohes Risiko der Ablehnung dar. Sie entlarvt sich durch die Darstellung des Sachverhalts, die mediative Einordnung („eigentlich geht es um…“), Motivationserklärungen einer Partei und implizite Bewertungen.
-
Entscheidungslogik
Die Frage, wann der Mediator (sich) einschalten soll, wann er rein geht oder besser draußen bleibt, kann anhand der nachfolgenden Logik ermessen werden, die als interne Selbstprüfung für Mediatoren heranzuziehen ist:
| Schritt | Prüfung | Maßnahme |
|---|---|---|
| Stufe 1: Mandat | Habe ich ein Mandat aller potenziell Beteiligten? | * Nein → keine Inhaltsintervention * Nur eine Seite → maximal Einladung / Information * Alle → Mediation möglich |
| Stufe 2: Rolle | Ersetze ich Kommunikation oder ermögliche ich sie? | * Ersetzen → Stopp * Ermöglichen → weiter |
| Stufe 3: Macht/Autorität | Verleiht mein Handeln einer Seite zusätzliches Gewicht? | * Ja → Schritt zurück * Nein → weiter |
| Stufe 4: Konfliktreife | Ist zumindest eine minimale Offenheit für Verstehen erkennbar? | * Nein → Konfliktreife fördern, nicht moderieren * Ja → weiter |
| Stufe 5: Transparenztest | Könnte ich mein Vorgehen jeder Partei offen erklären? | * Nein → Stopp * Ja → weiter |
| Stufe 6: Exit-Test | Könnten die Beteiligten ohne mich weiterarbeiten? | * Nein → Abhängigkeit**** Ja → professionell vertretbar |
-
Wenn Mediatorinnen oder Mediatoren im Vorfeld aktiv werden, dann sollte das in möglichst inhaltsfreier Form geschehen, ohne Bezug auf den Sachverhalt, keine Deutung, auf keinen Fall Bewertungen, kein CC (nach den Regeln eines Einzelgespräch gestalten) Sicherstellung der klaren Freiwilligkeit. Das Ziel der Intervention ist nicht die Überzeugung der Gegenseite, sondern die Öffnung eines Entscheidungsraums. Typische Fehler stellen sich ein, wenn der Mediator Absender eines parteilichen Narrativs wird, wenn Autorität den Prozess ersetzt,w enn die Mediation inhaltlich vorweggenommen wird, wenn Transparenz mit Kontrolle verwechselt wird. Natürlich sind auch Datenschutzrechtliche Bestimmungen zu beachten, wenn e-Mail-Adressen weitergegeben werden. Das ist nur im begrenzten Umfang möglich und sollte in jedem Fall geprüft werden.
Bedeutung für die Mediation
Der einseitige Erstkontakt ist ein neuralgischer Punkt jeder Mediation.
Hier entscheidet sich, ob Mediation als freiwilliges Kooperationsangebot oder als strategisches Mittel erlebt wird. Professionelle Zurückhaltung ist dabei kein Mangel an Hilfe, sondern die wirksamste Form von Starthilfe.
Siehe auch: Startprobleme, Angebot, Zuführung, Konfliktreife, Allparteilichkeit, Neutralität
Prüfvermerk: -