Gewalt stellt ein zentrales gesellschaftliches Problem dar und widerspricht grundlegenden demokratischen Werten. Offizielle Statistiken wie die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) bilden jedoch lediglich das sogenannte Hellfeld ab, also jene Straftaten, die zur Anzeige gebracht werden. Gerade im Bereich partnerschaftlicher, sexualisierter und digitaler Gewalt ist seit langem bekannt, dass ein erheblicher Teil der Taten nicht angezeigt wird. Vor diesem Hintergrund kommt Dunkelfeldstudien eine besondere Bedeutung zu, da sie das tatsächliche Ausmaß von Gewalt in der Bevölkerung sichtbar machen.

Mit der Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA) liegt erstmals seit über zwanzig Jahren wieder eine repräsentative, geschlechterübergreifende Dunkelfeldstudie zur Gewaltbetroffenheit in Deutschland vor. Die Forschung wurde mit der Pressemitteilung des BMI am 10.2.2026 vorgestellt1 Die Studie und deren Ergebnisse sind im Original veröffentlicht.2 Ziel dieses Beitrags ist es, die zentralen Ergebnisse des ersten Themenheftes der Studie systematisch darzustellen und in einen wissenschaftlichen Kontext einzuordnen. Natpürlich darf der Bezug zur Mediation nicht fehlen. Der Fokus liegt auf Gewalterfahrungen innerhalb und außerhalb von (Ex-)Partnerschaften sowie auf geschlechtsspezifischen Unterschieden in Prävalenz, Inzidenz und Schwere der Gewalt.

Studiendesign und methodischer Ansatz

LeSuBiA ist als bevölkerungsrepräsentative Dunkelfeld-Opferbefragung konzipiert. Zwischen Juli 2023 und Januar 2025 wurden insgesamt 15.479 Personen im Alter von 16 bis 85 Jahren befragt, die in Privathaushalten in Deutschland leben. Die Stichprobe basiert auf einer zweistufigen, zufallsbasierten Auswahl über Einwohnermelderegister und ist repräsentativ für die Wohnbevölkerung.

Methodisch wurde ein sequenzielles Mixed-Mode-Design gewählt. Die Datenerhebung erfolgte primär durch persönlich-mündliche Interviews (CAPI), ergänzt durch eine selbst auszufüllende computergestützte Befragung sensibler Inhalte (CASI). Personen, die nicht persönlich erreicht werden konnten oder sprachliche Barrieren aufwiesen, wurden nachgelagert über eine Online-Befragung (CAWI) einbezogen. Dieses Vorgehen sollte sowohl die Datenqualität erhöhen als auch sensible Gewalterfahrungen möglichst geschützt erfassen.

Ein zentrales Merkmal der Studie ist ihr breites, sozialwissenschaftliches Gewaltverständnis. Gewalt wird nicht ausschließlich als strafrechtlich relevante Handlung verstanden, sondern umfasst auch psychische, sexualisierte und digitale Gewaltformen, die unterhalb der Strafbarkeitsschwelle liegen können. Dadurch wird eine differenzierte Erfassung von Gewaltbetroffenheit ermöglicht, die sowohl für Forschung als auch für Praxis von Bedeutung ist.

Gewalt innerhalb von (Ex-)Partnerschaften

Ein Schwerpunkt der Studie liegt auf Gewalterfahrungen in bestehenden oder beendeten Partnerschaften. Hier zeigt sich, dass psychische Gewalt die mit Abstand häufigste Gewaltform darstellt. Nahezu die Hälfte der Frauen und rund 40 % der Männer berichten von entsprechenden Erfahrungen im Verlauf ihres Lebens. Differenziert nach Gewaltformen treten emotionale, kontrollierende, bedrohende und ökonomische Gewalt besonders häufig auf.

Bei Betrachtung der letzten fünf Jahre zeigen sich bei psychischer Gewalt kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern hinsichtlich der Prävalenz. Frauen weisen jedoch eine deutlich höhere Inzidenz auf, erleben die Gewalt häufiger und bewerten sie als schwerwiegender. Zudem berichten sie in den Gewaltsituationen signifikant häufiger von Angst. Diese Befunde verdeutlichen, dass geschlechtsspezifische Unterschiede weniger in der grundsätzlichen Betroffenheit, sondern vielmehr in Intensität und Folgen der Gewalt liegen.

Körperliche Gewalt innerhalb von (Ex-)Partnerschaften betrifft etwa jede sechste Person im Lebensverlauf. Auch hier sind die Unterschiede in der Fünfjahresprävalenz zwischen Frauen und Männern gering. Gleichwohl zeigen sich erneut deutliche Differenzen in der Schwere der Gewalt: Frauen berichten häufiger von Verletzungen, stärkerer Angst und einer höheren wahrgenommenen Lebensgefahr. Die Anzeigequoten sind insgesamt niedrig und liegen sowohl bei psychischer als auch bei körperlicher Gewalt deutlich unter fünf Prozent.

Eine weitere, vergleichsweise seltene, aber gesellschaftlich relevante Form partnerschaftlicher Gewalt sind Falschbeschuldigungen gegenüber offiziellen Stellen. Etwa drei Prozent der Befragten berichten von entsprechenden Erfahrungen im Lebensverlauf. Auffällig ist, dass diese häufig im Kontext von Trennungen auftreten und geschlechtsspezifische Muster im zeitlichen Zusammenhang mit dem Ende der Partnerschaft aufweisen.

Gewalt außerhalb von Partnerschaften

Damit ist sexualisierte Gewalt, Stalking und digitale Gewalt gemeint.
Neben der Partnerschaftsgewalt erfasst LeSuBiA Gewaltformen, die sowohl innerhalb als auch außerhalb von Beziehungen auftreten können. Besonders deutlich treten geschlechtsspezifische Unterschiede bei sexualisierter Gewalt zutage.

Sexuelle Belästigung ist eine der am weitesten verbreiteten Gewaltformen. Fast jede zweite Person hat entsprechende Erfahrungen im Lebensverlauf gemacht, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Besonders ausgeprägt sind diese Unterschiede bei sexueller Belästigung mit Körperkontakt. Frauen erleben diese Form der Gewalt nicht nur häufiger, sondern auch mit höherer Inzidenz und größerer subjektiver Belastung. Täterinnen und Täter sind überwiegend fremde oder flüchtig bekannte Personen, und die Betroffenen sind häufig jung.

Sexuelle Übergriffe, definiert als sexuelle Handlungen gegen den Willen der betroffenen Person, betreffen im Lebensverlauf mehr als jede zehnte Person. Auch hier zeigen sich klare Geschlechterunterschiede: Frauen sind signifikant häufiger betroffen und erleben die Gewalt als deutlich schwerer. Sie berichten häufiger von Angst, Verletzungen und einer wahrgenommenen Lebensgefahr. Während bei Frauen der (Ex-)Partner eine zentrale Täterrolle einnimmt, sind es bei Männern häufiger Personen aus dem weiteren sozialen Umfeld.

Stalking stellt ebenfalls eine weit verbreitete Gewaltform dar. Mehr als jede fünfte Person berichtet von entsprechenden Erfahrungen im Lebensverlauf. Frauen sind etwas häufiger betroffen und bewerten die Situationen als belastender. Stalking tritt sowohl innerhalb als auch außerhalb von (Ex-)Partnerschaften auf, wobei Täterinnen und Täter häufig aus dem näheren sozialen Umfeld stammen.

Digitale Gewalt gewinnt zunehmend an Bedeutung. LeSuBiA unterscheidet zwischen digitaler Gewalt im engeren Sinne, die ausschließlich im digitalen Raum stattfindet, und einer erweiterten Definition, die auch digital vermittelte Formen psychischer Gewalt, sexueller Belästigung und Stalking umfasst. Besonders jüngere Menschen, Frauen sowie Personen mit Migrationshintergrund sind überdurchschnittlich betroffen. Trotz der zunehmenden Relevanz digitaler Gewalt bleiben auch hier die Anzeigequoten sehr niedrig.

Querschnittsbefunde und vulnerable Gruppen

Über alle Gewaltformen hinweg zeigt sich, dass Gewalt häufig nicht isoliert auftritt. Rund ein Viertel der Betroffenen erlebt mehrere Gewaltformen (Polyviktimisierung). Besonders häufig ist psychische Gewalt Teil solcher Mehrfachbetroffenheiten.

Ein weiterer zentraler Befund betrifft den Zusammenhang zwischen Gewalt in der Kindheit und späterer Gewaltbetroffenheit. Erfahrungen mit körperlicher oder psychischer Gewalt durch Erziehungsberechtigte oder das Miterleben von Gewalt zwischen diesen erhöhen das Risiko, im späteren Leben erneut Gewalt zu erfahren. Gewalt erscheint damit als ein intergenerational weitergegebenes Risiko.

Besonders stark betroffen sind zudem Personen, die sich der LSBTIQ*-Gruppe zuordnen. Sie weisen über alle untersuchten Gewaltformen hinweg höhere Prävalenzen auf als Personen außerhalb dieser Gruppe. Auch regionale Unterschiede lassen sich feststellen: Menschen in urbanen Räumen berichten häufiger von Gewalterfahrungen als Personen in ländlichen Gebieten.

Diskussion und gesellschaftliche Implikationen

Die Ergebnisse der LeSuBiA-Studie verdeutlichen, dass Gewalt in Deutschland ein weit verbreitetes und vielfach verborgenes Phänomen ist. Während Frauen und Männer bei Partnerschaftsgewalt in ähnlichem Ausmaß betroffen sind, unterscheiden sich ihre Erfahrungen deutlich hinsichtlich Häufigkeit, Schwere und Folgen der Gewalt. Besonders ausgeprägt sind die Geschlechterunterschiede bei sexualisierter und digitaler Gewalt.

Die sehr niedrigen Anzeigequoten über nahezu alle Gewaltformen hinweg unterstreichen die Bedeutung von Dunkelfeldstudien für ein realistisches Lagebild. Gleichzeitig weisen sie auf strukturelle Hürden im Zugang zu Polizei, Justiz und Hilfesystemen hin. Die Studie liefert damit eine zentrale empirische Grundlage für die Weiterentwicklung von Präventions-, Interventions- und Unterstützungsmaßnahmen.

Bedeutung für die Mediation

LeSuBiA schließt eine Forschungslücke in der deutschen Gewaltforschung. Durch ihr geschlechterübergreifendes, repräsentatives Design und ihr breites Gewaltverständnis3 ermöglicht die Studie eine differenzierte Analyse von Gewaltbetroffenheit in Deutschland. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Gewaltprävention und Opferschutz als gesamtgesellschaftliche Aufgaben verstanden werden müssen. Deutlich wird auch, dass psychische Gewalt in Partnerschaften weit verbreitet ist und häufig in bestehenden Beziehungen stattfindet. Da diese Gewaltformen selten angezeigt werden, kommt außergerichtlichen Konfliktbearbeitungsformaten – insbesondere der Mediation – eine besondere Rolle zu.

Zwar untersucht die LeSuBiA-Studie keine Resilienzfaktoren oder mediationsspezifische Interventionen. Die differenzierten Befunde zu Angst, Schwereeinschätzung, Kontrollverhalten und ökonomischer Abhängigkeit liefern jedoch wichtige Hinweise für die mediative Praxis. Sie zeigen, dass Konflikte, die als „kommunikativ“ erscheinen, häufig in asymmetrische Gewaltkontexte eingebettet sind. Für die Mediation ergibt sich daraus die Notwendigkeit, psychische Gewalt frühzeitig zu erkennen, Machtungleichgewichte zu reflektieren und gegebenenfalls auf mediationsbegleitende oder alternative Schutz- und Unterstützungsangebote zu verweisen. Eine unkritische Anwendung symmetrischer Konfliktmodelle kann in solchen Fällen zur Re-Viktimisierung beitragen.

Implikationen der LeSuBiA-Ergebnisse für die Mediation (tabellarisch)

Nr. Empirischer Befund (LeSuBiA) Begründung aus der Studie Implikation für die Mediation
1 Psychische Gewalt ist weit verbreitet 44,5 % der Befragten berichten psychische Gewalt in (Ex-)Partnerschaften; emotionale Gewalt ist die häufigste Form4 Mediation findet häufig nicht in gewaltfreien Konflikten, sondern in bereits belasteten Beziehungskontexten statt.
2 Psychische Gewalt tritt meist während bestehender Beziehungen auf Emotionale, kontrollierende und ökonomische Gewalt werden überwiegend innerhalb noch bestehender Partnerschaften erlebt5 Mediation kann Teil laufender Gewaltbeziehungen sein und muss dies bei der Fallannahme berücksichtigen.
3 Psychische Gewalt ist häufig vorlaufend und kombiniert Psychische Gewalt tritt oft vor körperlicher Gewalt auf und ist Bestandteil von Polyviktimisierung6 Mediation hat potenziell präventive Funktion, darf aber frühe Gewaltindikatoren nicht bagatellisieren.
4 Hohe subjektive Angst trotz „nicht-physischer“ Gewalt Frauen berichten signifikant höhere Angst- und Schwerewerte bei psychischer Gewalt7 Subjektive Angst sollte als zentrales Warn- und Abbruchkriterium in der Mediation gelten.
5 Kontrollierende und ökonomische Gewalt erzeugen Abhängigkeit Besonders kontrollierende und ökonomische Gewalt gehen mit bestehenden Abhängigkeitsverhältnissen einher8 Symmetrische Mediationsmodelle können Machtungleichgewichte verschleiern und sind ggf. ungeeignet.
6 Sehr niedrige Anzeigequoten bei psychischer Gewalt Anzeigequoten liegen meist unter 3 %9 Mediation wird faktisch zur ersten professionellen Kontaktstelle im Hilfesystem.
7 Hohe psychische Folgebelastung Psychische Gewalt geht mit Depressionen, Angst, Erschöpfung und vermindertem Selbstwert einher10 Mediator:innen müssen mit traumasensibler Haltung arbeiten; Neutralität ist begrenzt tragfähig.
8 Resilienz wird nicht erhoben LeSuBiA erfasst keine Schutzfaktoren oder Coping-Strategien; Fokus liegt auf Belastung und Gewaltfolgen (Methodik, Kap. 2; Tabelle 2) Mediation darf Unterschiede im Erleben nicht individualisierend (z. B. als „Konfliktstil“) deuten.
9 LSBTIQ*-Personen sind überdurchschnittlich betroffen Über 50 % berichten psychische Gewalt; erhöhte Betroffenheit auch bei Kontrolle und digitaler Gewalt11 Mediation benötigt diversitätssensible Gewaltkompetenz, insbesondere bei queeren Paaren.

Die tabellarisch dargestellten Befunde verdeutlichen, dass Mediation in Partnerschafts- und Trennungskonflikten häufig in Gewaltkontexten stattfindet, ohne dass diese als solche benannt oder rechtlich sichtbar werden. Auch Mediationsansätze, die ausdrücklich nicht von symmetrischen Machtverhältnissen ausgehen, sondern Allparteilichkeit und aktiven Machtausgleich anstreben, stoßen hier an strukturelle Grenzen. Insbesondere bei kontrollierender oder ökonomischer Gewalt kann Zustimmung im Mediationsprozess nicht ohne Weiteres als Ausdruck freier Selbstbestimmung interpretiert werden. In extremen Fällen hat der Mediator die Möglichkeit einzuschreiten. §4 Mediationsgesetz öffnet die Verschwiegenheitspflicht, wenn es darum geht, eine schwerwiegende Beeinträchtigung der physischen oder psychischen Integrität einer Person abzuwenden.


Zusammenfassung der Studie mHv ChatGPT / verantwortlich: Arthur Trossen
Headerbild von Pixabay: The Divorce Law Firm

2 Siehe - }
3 Näher dazu im Beitrag über Gewalt
4 Kap. 3.1, S. 39–41 der Studie
5 Kap. 3.1.1–3.1.4, S. 40–56 der Studie
6 Kap. 3.1; Kap. 5.1 der Studie
7 Tabelle 2, S. 13–14
8 Kap. 3.1.3–3.1.4, S. 51–56
9 Zusammenfassende Darstellung, S. 9–10
10 Kap. 3.1, S. 40–41
11 Kap. 5.3, S. 117–120